Fluchtmodus

Warum eine Sicherung von Hand nicht immer möglich ist.

Wir wurden neulich gefragt, wieso man nicht versucht, einen entlaufenen Hund per Hand zu sichern und möchten euch dies einmal ausführlicher erklären. ☺️

💡Jede Sicherung ist individuell:
Jeder Hund und jede Sicherung ist anders und muss demnach auch individuell beurteilt und geplant werden. Sie hängt von verschiedenen Faktoren, wie der Herkunft, dem Typ des Hundes, der örtlichen sowie sozialen Bindung, den Örtlichkeiten und vor allem auch von der Entlaufsituation (z.B. im Schreckmoment) ab.

Manchmal ist es auch nur ein Bauchgefühl, das uns steuert – wie der Hund reagiert, ist nicht vorhersehbar. Letztendlich bestimmt der Hund, wie die Sicherung abläuft und wann er gesichert werden möchte.

Tatsächlich finden viele Sicherungen auch mit der Hand statt. Den sicherlich größten Teil bekommen wir erst gar nicht mit, weil der Hund wenig später zu den Besitzern am Entlaufort zurückkehrt oder selbstständig den bekannten Rückweg nach Hause antritt.
Ebenso gibt es Fälle, bei denen wir Sichtungen des entlaufenen Hundes an den Halter weitergeben, damit dieser von uns begleitet oder selbstständig seinen Hund von Hand sichern kann.

Hunde, die wir mit Lebendfallen sichern (müssen), sind in ihrer Prägephase (Geburt bis ca. 4 Monate) nicht gut sozialisiert worden. Hierfür gibt es die unterschiedlichsten Erklärungsversuche – z.B. war der Hund ein echter Streuner/Straßenhund oder Auslandshund, ebenso gibt es aber auch Hunde von Züchtern oder sogenannten Vermehrern, bei denen keine ausreichende Sozialisierung stattgefunden hat.

🐕💨 Der Fluchtmodus:
Wenn ein solcher Hund entläuft, gerät er schnell in Panik und in den sogenannten Fluchtmodus/Überlebensmodus.

Der Hund befindet sich in einem Zustand massiver Stresshormonausschüttung (Adrenalin, Cortisol). 🤯
In diesem Zustand sind das Hör- und Sehvermögen nur noch gering mit den sozialen Bindungen als Erinnerungen verknüpft. Selbst ein sonst zuverlässig abrufbarer Hund, erkennt dann z.B. seinen Namen nicht mehr oder empfindet die Stimme des Besitzers nicht als vertraut. Ebenso werden vertraute Gerüche in diesem Zustand nur schwach oder stark verspätet erkannt.

Je länger der Hund unterwegs ist, desto mehr geraten Erinnerungen und vertraute Gerüche oder Personen in Vergessenheit und desto geringer ist die Ansprechbarkeit.

Mit zunehmender Dauer steigt die Selbstständigkeit, die Bindungsorientierung sinkt und das Misstrauen gegenüber Menschen nimmt zu.

Aktives suchen, rufen oder hinterherlaufen versetzt den Hund noch mehr in Panik und treibt ihn nicht nur weiter weg, sondern im schlimmsten Fall vor Autos oder vor einen Zug! – dies gilt ebenso für dem Hund gut vertraute Personen.

Die Folgen von stark erhöhtem Adrenalin und Cortisol sind:
* erhöhte Laufbereitschaft
* reduziertes Schmerzempfinden
* geringe Ermüdung
* eingeschränktes Hungergefühl (außer in Ruhephasen)

Der Hund kann kilometerweit laufen, ohne Pausen einzulegen – bis zu 40 Kilometer am Tag kennen wir sogar aus eigener Erfahrung.

Im Fluchtmodus durchläuft der Hund verschiedene Phasen. Phasen intensiver Bewegung, Rückzug in sicherer Umgebung, sowie kurze Ruhe- oder Schlafphasen.
Genau diese Ruhefenster sind entscheidend, um die Sicherung eines Hundes einzuleiten.

🫴🏻 Sicherung per Hand:
Hunde, die in Panik davon rennen, bieten selten den richtigen Moment in dem man sich als Besitzer nähern kann. Es bedarf viel Ruhe und Zeit, sowie einer sehr guten Bindung zwischen Mensch und Hund. Es ist immer einen Versuch wert, wenn sich eine solche Situation ergibt, jedoch bringt ein solcher Annäherungsversuch gerade in Städten, an Straßen oder in der Nähe von Bahngleisen immer ein hohes Risiko mit sich.

🪤 Sicherung per Lebendfalle:
Eine gut vorbereitete Lebendfalle, mit vorheriger Bindung an eine Futterstelle, bietet im Vergleich zur Sicherung per Hand einige Vorteile:

Eine Lebendfalle arbeitet passiv und ohne Druck. Sie nutzt stattdessen: Nahrungsantrieb, Gerüche, eine ruhige & reizarme Umgebung. Sie arbeitet ohne direkten menschlichen Kontakt, das heißt – kein: Rufen, Hinterhergehen, Fixieren, körperliches Bedrängen. Dadurch reduziert sie ebenso das Unfallrisiko – sie minimiert unkontrolliertes Weglaufen und ermöglicht eine gezielte Sicherung ohne Hektik oder Panik.

Viele entlaufene Hunde bewegen sich zudem häufig nachts, in den frühen Morgenstunden und bei geringer Aktivität von Menschen/Verkehr. Lebendfallen funktionieren rund um die Uhr, besonders auch in ruhigen Phasen, mit weniger Umweltreizen.

Vorteil: Der Hund kann selbst entscheiden, wann er die Falle betritt – dies senkt Stress und verhindert erneutes Fluchtverhalten.

Da der Überlebensinstinkt dominiert, ist die Lebendfalle oft die einzige Methode, die auch nach Tagen oder Wochen des Entlaufens noch funktioniert.

Gerade bei sehr unsicheren Hunden braucht es oft mehrere Tage oder sogar Wochen, bis genügend Vertrauen in die Umgebung und die Lebendfalle gewachsen ist und eine Sicherung möglich wird. Dies ist bei einer Sicherung per Hand nicht möglich.

🐾 Nach der Sicherung:
Konnte der Hund erfolgreich gesichert werden, ist es wichtig, ihn erst einmal zur Ruhe kommen zu lassen. Je nach Dauer des Entlaufens kann es bis zu einer Woche dauern, bis sich der Stresshormonspiegel wieder normalisiert. Der Hund befindet sich anfangs weiterhin im Fluchtmodus, auch in sicherer und gewohnter Umgebung.

Es ist wichtig, dass der Hund viel schläft, zur Ruhe kommt und erstmal alles Erlebte auch in Träumen verarbeiten kann. Die ersten Tage sollte der Hund nur zum Lösen ausgeführt werden – so wenig wie möglich, so viel wie nötig. Der Hund wird zeigen, was er braucht – ob er Nähe braucht oder nicht, ob er mehr Bewegung braucht oder nicht. Es ist wichtig, sich auf die „neuen“ Bedürfnisse seines Hundes einzustellen.